Im Tai Chi spielt die Zuordnung zu einer Traditionslinie eine wichtige Rolle. Sie gibt dir eine Orientierung, welche Inhalte und Schwerpunkte dich im Unterricht erwarten. Deshalb möchte ich dir hier einen Einblick in die Linien geben, in denen ich selbst praktiziere und unterrichte.
In meinen Kursen unterrichte ich ausschließlich den Yang-Stil, der auf Yang Luchan zurückgeht. Ich habe Zugang zu zwei Traditionslinien dieses Stils, die sich aus meiner Sicht sehr gut ergänzen: zum einen die Linie von Yang Shouzhong mit seinem Meisterschüler Chu King-Hung, zum anderen eine ältere Yang-Stil-Linie, die auf Wang Yongquan zurückgeht.
Yang-Stil nach Chu King-Hung (ITCCA)

Diese Linie habe ich über viele Jahre hinweg intensiv praktiziert. Sie bietet aus meiner Sicht eine sehr gute Grundlage für den Einstieg in das Tai Chi und vermittelt ein breites Spektrum an Inhalten.
Das Curriculum ist vielfältig aufgebaut und umfasst neben der Handform unter anderem Partnerübungen und Waffenformen. Die verschiedenen Prinzipien des Tai Chi helfen dir dabei, nach und nach die inneren Verbindungen im Körper zu entwickeln. Mit der Zeit entsteht so das, was oft als „Tai Chi body“ bezeichnet wird: Der Körper bewegt sich als Einheit, alles steht miteinander in Beziehung.
Diese Herangehensweise ist klar strukturiert und gut nachvollziehbar. Sie eignet sich besonders, um eine stabile Basis aufzubauen und ein grundlegendes Verständnis für die Prinzipien des Tai Chi zu entwickeln.
Das Tai Chi von Chu King-Hung ist überwiegend körperbezogen, wodurch im Laufe der Zeit ein sehr feines Körpergefühl entsteht.
Yang-Stil nach Wang Yongquan / Wei Shuren

Im Laufe meiner eigenen Praxis wurde es mir immer wichtiger, tiefer in die inneren Aspekte des Tai Chi einzutauchen. Vor diesem Hintergrund habe ich mich einer älteren Yang-Stil-Linie zugewandt, die auf Wang Yongquan und seinen Schüler Wei Shuren zurückgeht.
Wang Yongquan (汪永泉, 1904-1987) hatte eine besondere Stellung innerhalb der Yang-Tradition, da er bei gleich drei bedeutenden Meistern des Yang-Stils lernen konnte: Yang Jianhou1, Yang Shaohou2 und Yang Chengfu3. Diese direkte Verbindung zu mehreren Meistern der Yang-Familie ist sehr selten4 und verleiht dieser Überlieferung eine besondere Tiefe.
Diese Linie legt einen sehr starken Fokus auf innere Prozesse und arbeitet mit feinen, oft zunächst kaum sichtbaren Veränderungen im Körper. Die Bewegungen wirken insgesamt leichter und subtiler.
Wenn du bereits eine gewisse Grundlage mitbringst, eröffnet dir diese Herangehensweise neue Möglichkeiten, deine Praxis weiter zu verfeinern. Viele Aspekte erschließen sich erst mit der Zeit und durch kontinuierliches Üben.
Wang Yongquan hatte mehrere Disciples, darunter Wei Shuren (魏树人, 1924-2013). Ich lerne in dieser Linie bei Dr. John Fung (Disciple von Wei Shuren) sowie bei Gordon Yung und entwickle mein Verständnis auf dieser Basis kontinuierlich weiter.

Hier eine Übersicht einiger ausgewählter Vertreter des Yang-Stils mit den o. g. Traditionslinien (orange markiert):

- Wang Yongquan lernte zunächst von Yang Jianhou, da Wang Yongquans Vater Wang Chonglu (汪崇禄) ein langjähriger Schüler von Yang Jianhou war und auch in dessen Auftrag extern Tai Chi unterrichtete. ↩︎
- Wang Yongquan hatte eine kräftige Statur und war für Yang Shaohou ein beliebter Sparringspartner. Wang Yongquan hat Yang Shaohou auch auf Reisen zu Tai Chi-Demonstrationen begleitet. ↩︎
- Kurz vor Yang Jianhous Tod wurde Wang Yongquan offiziell Yang Chengfu unterstellt, um die damals übliche Generationenfolge einzuhalten und um Yang Chengfu zu unterstützen. ↩︎
- Ein weiteres Beispiel ist Tian Zhaolin (田兆麟, 1891-1960), der ebenfalls von Yang Jianhou, Yang Shaohou und Yang Chengfu unterrichtet worden ist. Tian Zhaolin und Wang Yongquan kannten sich gut und haben auch gemeinsam trainiert. ↩︎