Die Gehstock-Partnerübung wurde von einem Schüler von Yang Chengfu und dem Sohn dieses Schülers in den USA unterrichtet (Choy-Familie). Wer genau diese Partnerübung konzipiert hat, ist nicht bekannt. Dies ist jedoch nicht entscheidend, da der Hauptzweck dieser Partnerübung darin besteht, sich Fähigkeiten zur Selbstverteidigung im Alltag anzueignen.
Der Kurzstock
Der Kurzstock (短棍 duǎn gùn) zählt zwar nicht zu den Hauptwaffen des Tai Chi (dies sind Schwert, Säbel und Langstock/Speer), trotzdem gibt es in den unterschiedlichen Stilen verschiedene Kurzstock-Formen. Auch in den anderen inneren Kampfkünsten wie dem Xingyiquan gibt es Formen mit dem Kurzstock.
Der große Vorteil des Kurzstocks ist die Einsetzbarkeit im Alltag. Mit den klassischen Waffen wie Schwert oder Säbel kann man nicht wirklich durch die Stadt laufen. Mit dem Kurzstock in Form eines Gehstocks ist dies problemlos möglich.
Mit Hilfe eines Gehstocks kann man einen Angreifer auf Abstand halten und auch besser Angriffe mit einem Gegenstand abwehren.
Waffenrechtlich ist ein Gehstock keine Waffe, d. h. er darf unabhängig vom Alter überall in der Öffentlichkeit mitgeführt werden, auch in den zunehmend in Städten eingerichteten Waffenverbotszonen.
Ein weiterer Vorteil ist die sofortige Einsatzbereitschaft. Man hat den Gehstock bereits in der Hand und muss ihn nicht wie z. B. einen Abwehrspray erst noch aus der Tasche ziehen. Außerdem hat ein Gehstock aus der Sicht eines potentiellen Angreifers eine abschreckende Wirkung. Angreifer prüfen nicht nur die Umgebung, ob sie den Angriff an dieser Stelle ungestört ausführen können. Sie „lesen“ vor allem die Person, ob diese aufgrund der Konstitution, der Körperhaltung, des Verhaltens usw. ein leichtes Opfer oder ob mit größerem Widerstand zu rechnen ist. Hat man den Umgang mit dem Kurzstock gelernt, wird dies in der Ausstrahlung nach außen gespiegelt und ein geübter Angreifer nimmt dies wahr. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass man eher nicht angegriffen wird.
Die Partnerübung
Die Gehstock-Partnerübung ist kurz und schlicht und daher leicht zu lernen. Technisch gesehen sind die Bewegungen wesentlich einfacher als bei der Schwert- oder Säbelform. Die Partnerübung kann ohne Vorkenntnisse der anderen Waffen gelernt werden.
Konzeptionell ist die Partnerübung mit der Dalu-Form oder Sanshou-Form vergleichbar. Auf Bewegungen von Partner A reagiert Partner B mit einer dazu passenden Bewegung, offensive und defensive Rollen wechseln sich ab. Ähnlich wie bei den Partnerübungen mit den anderen Waffen hat man mit den Kurzstöcken/Gehstöcken Kontakt.
Wer bereits Vorerfahrungen insbesondere mit dem Säbel hat, wird die Gehstock-Partnerübung sehr leicht umsetzen können.
Abgesehen vom Aspekt der Selbstverteidigung macht die Partnerübung viel Spaß und es ist eine sehr gute Schulung der Präsenz, des Raum- und Distanzgefühls und des Timings.
Hintergrund
Hintergrund des Angebots dieser Partnerübung ist die negative Entwicklung der öffentlichen Sicherheit und die Nachfrage einiger Teilnehmer nach Mitteln der Selbstverteidigung im Alltag. Wir werden alle nicht jünger und es ist nicht zu erwarten, dass sich die Sicherheitslage so schnell wieder bessern wird.
Man kann sich nie perfekt auf etwaige Situationen vorbereiten und es ist ungewiss, was in einer realen Situation passieren und wie man sich verhalten wird. Sicher ist aber, dass ein wenig Vorbereitung viel mehr ist als gar keine Vorbereitung. Und wie oben bereits erwähnt, kann der Umgang mit dem Kurzstock/Gehstock eine präventive Wirkung haben.
Unterricht und Praxis
Der Unterricht und das Üben der Partnerübung erfolgt im Rahmen des Rheinauen-Kurses im Frühjahr und im Sommer. Außerdem werden spezielle Intensiv-Übungsstunden an ausgewählten Wochenendterminen angeboten. In Ergänzung zur reinen Partnerübung werden auch spezielle Drills geübt, damit die Handhabung des Gehstocks nach und nach immer freier und flexibler wird.