
Bei einer langjährigen Beschäftigung mit dem Tai Chi kann es hilfreich sein, sich die energetischen Stufen bzw. Kraftarten vor Augen zu führen. Dies vertieft nicht nur das Verständnis, sondern man schaut aus einer übergeordneten Perspektive auf die Entwicklung und kann grob einschätzen, auf welchem Entwicklungsstand man sich befindet. Dadurch vermeidet man unnötige Frustration, wenn man für längere Zeit auf einem Lernplateau festsitzt und man das Gefühl hat, dass sich kaum etwas weiterentwickelt. Auch gibt es Hinweise, ob man zur Weiterentwicklung unter Umständen die Methodik anpassen sollte.
Je nach Traditionslinie gibt es unterschiedliche Beschreibungen und Bezeichnungen zu diesem Thema. In diesem Abschnitt wird eine Einteilung vorgestellt, die auf Li Yaxuan (李雅轩, 1894-1976) zurückgeht. Li Yaxuan war ein langjähriger und neben Fu Zhongwen, Dong Yingjie und Cheng Man-ch’ing einer der bekanntesten Schüler von Yang Chengfu.
Li Yaxuan unterscheidet zwischen fünf verschiedenen Arten von Energie bzw. Kraft (勁 jìn):
- Harte Kraft (hard power, 硬勁 (vereinfacht 硬劲), yìng jìn)
- Steif-weiche Kraft (stiff–soft power, 僵柔勁 (vereinfacht 僵柔劲), jiāng róu jìn)
- Entspannt-sinkende Kraft (relaxed–sinking power, 鬆沉勁 (vereinfacht 松沉劲), sōng chén jìn)
- Leicht-bewegliche Kraft (light–agile power, 輕靈勁 (vereinfacht 轻灵劲, qīng líng jìn)
- Kraft der Leere (emptiness power, 虚無勁 (vereinfacht 虚无劲), xūwú jìn)
Li Yaxuan bringt die fünf Kraftarten in folgende Hierarchie:
硬劲不如僵柔劲,
僵柔劲不如松沉劲,
松沉劲不如轻灵劲,
轻灵劲不如虚无劲。
„Harte Kraft ist der steif-weichen Kraft untergeordnet,
steif-weiche Kraft ist der entspannt-sinkenden Kraft untergeordnet,
entspannt-sinkende Kraft ist der leicht-beweglichen Kraft untergeordnet,
leicht-bewegliche Kraft ist der Kraft der Leere untergeordnet.“
Die folgenden Erklärungen sollen einen ersten Eindruck vermitteln, was gemeint ist. Es handelt sich nur um eine erste Orientierung und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Das Tai Chi reicht zu tief, als dass man meinen könne, dass man schon alles erfasst habe.
Harte Kraft (Hard Power, 硬勁 yìng jìn)
Mit harter Kraft ist der Zustand am Anfang der Tai Chi-Praxis gemeint. Der Körper ist steif und hart und bei Bewegungen sind die Körperteile innerlich nicht gut miteinander verbunden. Es gibt kein Ganzkörpergefühl, sondern man agiert nur lokal mit einzelnen Muskelgruppen.
Der Zustand der Härte ist einem unter Umständen selbst gar nicht bewusst. Subjektiv kann man durchaus den Eindruck haben, dass man absolut entspannt ist. Aber sobald man in Kontakt mit jemanden kommt, geht das Gleichgewicht verloren und man kann leicht kontrolliert werden. Die Reaktion des Körpers lügt nicht und man ist manchmal selbst überrascht, wo plötzlich diese Anspannung herkommt, die man vorher gar nicht wahrgenommen hat.
Bei Demonstrationen macht sich manchmal der Vorführende diese harte Kraft zu Nutze. Wenn der Testpartner aufgefordert wird, aus einer statischen Haltung heraus stark zu drücken, soll dies eine schwierige Testsituation suggerieren. In Wirklichkeit macht es sich der Vorführende damit einfacher. Mit etwas Erfahrung ist die harte Kraft in einer vorgegebenen Situation relativ leicht zu kontrollieren1.
Steif-weiche Kraft (Stiff–Soft Power, 僵柔勁 jiāng róu jìn)
Nach einiger Tai Chi-Praxis wandelt sich die harte Kraft in steif-weiche Kraft. Wie der Name bereits sagt, ist dies eine Mischung aus immer noch harter Kraft und bereits etwas weicherer Kraft. Anfangs überwiegt der harte Anteil, dann gleichen sich beide Kräfte aus und schließlich überwiegt die weiche Kraft. Dennoch gibt es immer noch einen Rest von harter Kraft.
Es gibt bereits ein erstes ganzheitliches Körpergefühl mit Verwurzelung in den Füßen, die Gelenke sind aber noch nicht wirklich durchlässig. Dies zeigt sich darin, dass man auf stärkeren Druck oder Zug immer noch mit einem gewissen Widerstand reagiert.
Diese Phase dauert meistens lange an und ist schwierig durchzustehen. Einerseits hat man den Eindruck, dass man gute Fortschritte macht. So hat man beispielsweise ein souveränes Gefühl während der Formpraxis, beherrscht die Abläufe der Partnerübungen usw.
Andererseits merkt man, dass es noch nicht wirklich ausgereift ist, man aber nicht sagen kann, woran es liegt. In dieser Phase kann es passieren, dass man frustriert aufgeben möchte. „Ich bin für Tai Chi wohl doch nicht geeignet“, „Das ist mir zu kompliziert“, „Wie viel soll ich denn noch üben, damit sich was tut“ – solche oder ähnliche Eindrücke können durchaus auftreten.
Wenn Teilnehmer nicht bedingt durch äußere Umstände, sondern aus innerem Antrieb heraus mit dem Tai Chi aufhören, geschieht dies fast immer in dieser Phase. Man sollte sich also nicht entmutigen lassen, sondern einfach geduldig und kontinuierlich die Praxis fortsetzen.
Entspannt-sinkende Kraft (Relaxed–Sinking Power, 鬆沉勁 sōng chén jìn)
Wenn die Hauptgelenke ausreichend durchlässig und Hüfte und Taille locker sind, sinkt die Energie nach unten zu den Füßen und es entsteht entspannt-sinkende Kraft. Dies ist das Markenzeichen echter Tai Chi-Kraft. Der Körper fühlt sich von außen weich, dabei aber schwer und unbeweglich an – „so schwer wie ein Berg“, wie Chen Weiming (陳微明, 1881-1958) in seinem Buch geschrieben hat2.
Die Praxis fühlt sich außerordentlich wohltuend an. Bei einer von außen einwirkenden Kraft gibt es keinen Widerstand mehr. Von außen unsichtbar, steigt die Energie von den Sohlen durch den Körper bis zu den Händen. Das Gleichgewicht des Gegners wird bei Kontakt sofort gestört und man kann ihn leicht kontrollieren. In diesem Stadium verwirklicht sich der Spruch „Ich kenne den anderen, aber der andere kennt mich nicht“.
Leicht-bewegliche Kraft (Light–Agile Power, 輕靈勁 qīng líng jìn)
Die weitere Entwicklung führt zur leicht-beweglichen Kraft. Dies ist exakt die Kraft, die Wu Yuxiang3 beschreibt:
一舉動,周身俱要輕靈。
„Sobald du dich bewegst, muss der ganze Körper leicht und agil sein.“
Hat man sich zuvor mit den Füßen verwurzelt und ist die Energie gesunken, so dass man sich „schwer wie ein Berg“ anfühlt, transformiert man dies nun in eine extreme Leichtigkeit und Leichtfüßigkeit. Für die entspannt-sinkende Kraft wird manchmal die Metapher verwendet, dass man sich wie im Wasser bewegt. Bleibt man im gleichen Bild, bewegt man sich bei der leicht-beweglichen Kraft nicht mehr im Wasser, sondern auf der Wasseroberfläche.
Yang Jianhou wird nachgesagt, dass er die leicht-bewegliche Kraft auf einem sehr hohen Niveau beherrscht haben soll. Und wenn man sich mit der Traditionslinie seines Schülers Wang Yongquan beschäftigt, wird schnell klar, dass dessen Methodik auf die Entwicklung der leicht-beweglichen Kraft abzielt. So bezeichnet Sifu Dr. John Fung die Schritte als „floating“. Wang Yongquan hat spezielle innere Bilder unterrichtet, um dieses „floating“-Gefühl zu etablieren.
Voraussetzung hierfür ist, dass man vorher schon die Beine in die Bewegungen des ganzen Körpers integriert4 hat und alles miteinander in Verbindung steht. Diese Entwicklungsschritte kann man nicht überspringen. Basierend auf dieser Vorarbeit kann dann eine Weiterentwicklung zur leicht-beweglichen Kraft stattfinden. Dafür muss aber auch die Methodik entsprechend angepasst werden.
Diese Stufe berührt bereits den spirituellen Bereich. Die Leere im Sinne der daoistischen Philosophie spielt eine zentrale Rolle und wird gezielt in die Praxis integriert. Das Schriftzeichen 靈 (líng, vereinfachte Schreibweise 灵) hat neben der Bedeutung „geschickt/gewandt/beweglich/agil“ auch noch die Bedeutung „Geist“ bzw. „Seele“. Auf dieser Stufe ist die Geisteshaltung des leeren Geistes (無心 wúxīn oder im Japanischen mushin) erforderlich, ein wesentliches Merkmal spiritueller Entwicklung.
Kraft der Leere (Emptiness Power, 虚無勁 xūwú jìn)
Die höchste Stufe ist die Kraft der Leere. Mit 虚無 (xūwú, vereinfachte Schreibweise 虚无) ist im daoistischen Sinn die ursprüngliche Leere, das ungeformte Nicht-Sein gemeint. Es ist ein Zustand völliger Leere und Durchlässigkeit und wird Meistern wie Yang Luchan zugeschrieben. In heutiger Zeit wird diese Stufe der Kraft wohl kaum noch erreicht.

Die Kraft der Leere ist nicht mit Língkōng jìn (凌空勁) zu verwechseln. Erstere ist ein innerer Zustand kultivierter Leere und spielt sich auf der geistig-spirituellen Ebene ab. Letztere spielt sich auf der technischen Ebene ab und es geht eher um eine äußere Wirkung.
Im Daodejing gibt es in Kapitel 50 eine Passage, die gut zur Beschreibung der Kraft der Leere zu passen scheint:
„Das Nashorn findet nichts, worein es sein Horn bohren kann.
Der Tiger findet nichts, darein er seine Krallen schlagen kann.
Die Waffe findet nichts, das ihre Schärfe aufnehmen kann.
Warum das?
Weil er keine sterbliche Stelle hat.“5
- Wesentlich schwieriger ist es, wenn harte Kraft in einer nicht vorher definierten Testsituation auf einen einwirkt. ↩︎
- Siehe Seite 17 in: Chen Weiming: „T’ai Chi Ch’uan Ta Wen – Questions and Answers on T’ai Chi Ch’uan“, übersetzt von Benjamin Pang Jeng Lo und Robert W. Smith, North Atlantic Books, Berkeley, California 1985 (Originalausgabe Shanghai 1929). ↩︎
- Wu Yuxiang (武禹襄, 1812-1880) war ein Schüler von Yang Luchan und ist der Gründer des Wu-(Hao) Stils. Siehe hier zu mehr Informationen über ihn auf Wikipedia. ↩︎
- Meister Chu King-Hung verwendet hierfür beispielsweise die Prinzipien „Beinspirale“, „Yin Yang zwischen Arm- und Beinspirale“ und „Yin Yang in den Füßen“, wodurch auf der körperlichen Ebene Faszienstränge miteinander verbunden und das gesamte Fasziensystem aktiviert wird. ↩︎
- Übersetzung von Richard Wilhelm in „Laozi: Tao-te-king“, Eugen Diederichs Verlag München, 7. Auflage 1993, Seite 93. ↩︎
© Tai Chi Schule Gunnar Siebel 2/2026